Keine Alters‑, sondern eine Jugendreform

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung

Die Abstim­mung zur Reform der Alters­vor­sor­ge 2020 beweg­te. Viel wur­de geschrie­ben, dis­ku­tiert, debat­tiert und gestrit­ten. Die Abstim­mung ist ent­schie­den. Abha­ken und vor­wärts schau­en. Bin ich ent­täuscht? Nein. Eine mehr­heits­fä­hi­ge Reform braucht eine kla­re Tren­nung der 1. und 2. Säu­le.

Umverteilung höher als ausgewiesen

Grund­le­gen­de Ände­run­gen braucht es vor allem in der beruf­li­chen Vor­sor­ge (BVG). Mit indi­vi­du­el­lem Spa­ren für das Alter hat die beruf­li­che Vor­sor­ge nur noch beschränkt zu tun. Längst ist auch das BVG-System auf­grund der star­ren gesetz­li­chen Vor­ga­ben zu einem eigent­lich system­wid­ri­gen Umla­ge- oder Umver­tei­lungs­sy­stem mutiert. In der Abstim­mung quan­ti­fi­ziert der Bun­des­rat die Umver­tei­lung auf CHF 1.3 Mil­li­ar­den pro Jahr. Die Umver­tei­lung betrug 2016 allei­ne bei der AXA Win­ter­thur CHF 811 Mio. Wenn ich eine hand­voll wei­te­re Betriebs­rech­nun­gen von Pen­si­ons­kas­sen stu­die­re, kom­me ich kumu­liert bereits auf einen höhe­ren Betrag. Die wirk­li­che Umver­tei­lung dürf­te im Bereich von CHF 7 bis 8 Mil­li­ar­den zu lie­gen kom­men. Auch Tho­mas Ger­ber, Lei­ter Leben der Axa Win­ter­thur, schätzt die jähr­li­che Umver­tei­lung auf rund CHF 7 Mil­li­ar­den. Mit den Zah­len hat man es von offi­zi­el­ler Sei­te schein­bar nicht all­zu genau genom­men. Kommt mir irgend­wie bekannt vor (Stich­wort «Rüge Finanz­kon­trol­le»).

Bei CHF 8 Mil­li­ar­den beträgt die Umver­tei­lung pro Bei­trags­zah­ler durch­schnitt­lich gegen CHF 2‘000 pro Jahr. Per­so­nen mit einer Affi­ni­tät zur Sta­ti­stik kön­nen die Effek­te abschät­zen. Jun­ge trifft es ganz hart: Aus der Min­der­ver­zin­sung resul­tiert im Alter eine deut­lich tie­fe­re Alters­lei­stung. Gut­ver­die­nen­de tra­gen einen gros­sen Teil der Umver­tei­lungs­last.

Die berufliche Vorsorge braucht mehr Flexibilität

Wir alle möch­ten eine mög­lichst hohe Ren­te. Die Lebens­er­war­tung steigt, das Tief­zins­um­feld dau­ert an. Die Ren­ten sind die­ser Rea­li­tät anzu­pas­sen. Der Umwand­lungs­satz im BVG-Obli­ga­to­ri­um von 6.8% ist rea­li­täts­fremd und unver­ant­wort­lich gegen­über jün­ge­ren Bei­trags­zah­lern. Der Umwand­lungs­satz müss­te auf­grund der Rest­le­bens­er­war­tung ange­setzt wer­den und eine posi­ti­ve Ren­di­te auf dem Kapi­tal als „Zustupf“ zur Ren­te aus­be­zahlt wer­den. Das Risi­ko einer mas­si­ven Unter­deckung auf jün­ge­re Bei­trags­zah­ler zu über­wäl­zen, wider­spricht der sonst weit­sich­ti­gen und kon­ser­va­ti­ven Bud­get- und Finanz­po­li­tik in der Schweiz. Es braucht beid­sei­tig mehr Fle­xi­bi­li­tät, um auch bei einem guten Ren­di­te­ver­lauf höhe­re Ren­ten aus­zah­len zu kön­nen.

Ent­ge­gen der weit ver­brei­te­ten Mei­nung eines Ren­ten­ab­baus fand in den letz­ten 10 Jah­ren ein signi­fi­kan­ter Lei­stungs­aus­bau im BVG-Obli­ga­to­ri­um statt. Seit der Finanz­kri­se 2008 sind die durch­schnitt­li­chen Prei­se und damit die Lebens­hal­tungs­ko­sten leicht gesun­ken (nega­ti­ve Teue­rung). Gleich­zei­tig ist die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung gestie­gen. In Kom­bi­na­ti­on führ­te dies real zu deut­lich höhe­ren Ren­ten­lei­stun­gen. Eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung der Nomi­nal- und Real­ver­zin­sung ist Vor­aus­set­zung für eine Dis­kus­si­on über die Höhe von Ren­ten­lei­stun­gen.

Neue Ansätze sind gefragt

Es sind neue Ansät­ze gefragt. Über­re­gu­lie­rung scha­det. Älte­re Arbeits­su­chen­de kla­gen, auf­grund hoher Sozi­al­lei­stungs­ko­sten auf dem Arbeits­markt benach­tei­ligt zu sein. Wes­halb betra­gen die Spar­bei­trä­ge gemäss BVG für ein 34-jäh­ri­gen nur 7% und für einen 55-jäh­ri­gen 18%? Der Zins­ef­fekt spielt bei lan­gem Anla­ge­ho­ri­zont nicht nur eine wich­ti­ge, son­dern ent­schei­den­de Rol­le. Die­sem Umstand trägt das aktu­el­le Modell in kei­ner Art und Wei­se Rech­nung. Ver­ein­fa­chen heisst mein Ansatz: Ein ein­heit­li­cher Spar­bei­trag von 10% ab Alter 18 für alle im BVG. Die über­schau­ba­ren Mehr­ko­sten für jün­ge­re Arbeit­neh­mer sind in jedem Fall trag­bar, die Ent­la­stung bei älte­ren Arbeit­neh­mern gross. Eine Modell­rech­nung zeigt: Die Sum­me aller Bei­trä­ge wäh­rend der gesam­ten Beschäf­ti­gungs­dau­er ist rund 20% tie­fer, das Kapi­tal bei Pen­sio­nie­rung aber rund 4% höher (Annah­me Start­lohn CHF 4‘000 pro Monat mit jähr­li­cher Lohn­er­hö­hung von 1.2%, Ren­di­te­an­nah­me 3.5%). Dem Zin­ses­zins­ef­fekt sei Dank.

Eine mehr­heits­fä­hi­ge neue Reform­vor­la­ge muss ein­fach, nach­hal­tig und vor allem auch fair für die jün­ge­ren Bei­trags­zah­ler sein. Die Alters­re­form muss zur Jun­gen­re­form wer­den.

2. Okto­ber 2017 / Beat Bühl­mann

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